Fehler erlauben als Basis für Kreativität? Bitte nicht!

Ich habe mich sehr geehrt gefühlt und gefreut, als ich gefragt wurde, ob ich nicht vielleicht einen Gastbeitrag für 2changeculture zum Thema „Fehler erlauben als Basis für Kreativität“ schreiben möchte. Ich war zu dem Zeitpunkt gerade sehr gut drauf, hatte Lust auf das Schreiben und die Zeit bis April schien noch ewig lang. Doch dann kam es wie es kommen musste: Eine Mischung aus Prokrastination und Überraschungen, die in unserer dynamischen und komplexen Welt nun einmal passieren, führte dazu, dass die Zeit eng wurde. Ich hätte es ahnen können? Klar, hinterher ist man immer schlauer. War es nun also ein Fehler, diesen Gastbeitrag zugesagt zu haben? Vielleicht – und zugleich ein vielleicht etwas anderes Beispiel für das Thema: Denn hätte ich mir diesen „Fehler“ nicht erlaubt, hätte ich also den Gastbeitrag damals nicht zugesagt, hätte ich heute nicht den Druck gehabt, diese Zeilen zu schreiben und wäre nicht kreativ geworden …

Kreativität

Ich bin kein Experte für Kreativität. Ich habe aber das eine oder andere aufgeschnappt und in Verbindung mit meiner ganz eigenen Erfahrung eine Meinung dazu: Zuallererst bin ich davon überzeugt, dass jeder Mensch kreativ ist. Wobei Menschen auf recht unterschiedliche Arten und Weisen kreativ sein können: als Künstler, als Fußballer, als Erfinder, als Politiker, … Und ich bin überzeugt, dass man Kreativität sowohl fördern als auch unterdrücken kann. Wobei es sich um hochkomplexe Zusammenhänge handelt, sodass man Ursache und Wirkung im Vorhinein nicht prognostizieren kann. Manche Menschen lassen ihre Kreativität im traditionellen, auf Auswendiglernen und Benotung ausgerichteten Schulsystem verkümmern – andere entdecken ihre Kreativität vielleicht gerade in der Rebellion gegen dieses System.

Fehler erlauben?

Sollte man also Fehler erlauben, als Basis für Kreativität? Das klingt erst einmal logisch: Wenn Fehler bestraft werden, wird niemand „kreative Lösungen“ ausprobieren. Oder umgekehrt: Wenn Fehler erlaubt sind, dann kann ich ja alles ausprobieren, ohne mit einer Strafe rechnen zu müssen. Also kann ich meiner Kreativität freien Lauf lassen.

Doch ist es das, was wir wollen? Ich bin kein Freund von Selbstzwecken. Kreativität an sich ist kein Selbstzweck, genauso wenig wie Fehler. Es kommt drauf an: Wenn ich mit dem Zug von A nach B reisen möchte, dann habe ich kein Interesse daran, dass der Zugführer neue kreative Wege findet oder dass die Wartungsarbeiten besonders kreativ durchgeführt wurden. Im Gegenteil: Ich möchte Sicherheit, ich möchte keine Fehler. Das ist der Fall bei Situationen mit weitestgehend einfachen oder komplizierten Herausforderungen.

Etwas anders sieht es aus, wenn der Anteil der Dynamik und Komplexität steigt: Wenn ich mit dem Taxi von B nach C reisen möchte, dann erwarte ich sehr wohl, dass der Taxifahrer kreative Lösungen findet, um bspw. einen plötzlich auftretenden Stau zu umfahren. Dabei nehme ich auch in Kauf, dass die kreative Lösung scheitert, wir also vielleicht in einem zweiten Stau landen.

Fehler versus Irrtum

Ich bin mir unsicher, ob ich die Unterscheidung in Fehler und Irrtum zunächst bei Lars Vollmer, bei Niels Pfläging oder jemand anderem gelesen oder gehört hatte, aber ich finde sie sehr nützlich. Vereinfacht gesagt: Fehler sind falsch ausgeführte einfache oder komplizierte Tätigkeiten, bei denen man also im Vorfeld klar beschreiben kann, wie man zum gewünschten Ergebnis kommt. Fehler sind also vermeidbar und somit auch zu vermeiden! In dynamischen/komplexen Situationen, in denen man also nicht im Vorhinein beschreiben kann, was genau passieren wird, wenn man dieses oder jenes tut, geht man anders vor: Man stellt zunächst Annahmen und Hypothesen auf und überprüft hinterher, ob das gewünschte Ergebnis eingetreten ist. Wenn nicht, so handelt es sich um einen Irrtum und man kann daraus lernen, indem man die Annahmen, Hypothesen, die eigenen Aktionen bzw. die gewünschten Ergebnisse korrigiert. Irrtümer sind nicht vermeidbar, im Gegenteil: Irrtümer sind notwendig, um neue Erkenntnisse in hochdynamischen und -komplexen Situationen zu gewinnen, sie dienen also dem Lernen.

Innovation ist das Ziel

Aus meiner Sicht müsste es also lauten „Irrtümer erlauben als Basis für Kreativität“.

Damit wäre einiges klarer: Kreativität ist genau dann sinnvoll und wichtig, wenn „Neuland“ betreten wird, wenn Pionierarbeit geleistet wird, wenn neue Herausforderungen angegangen werden, bei denen man (noch) nicht vorhersagen kann, was passieren wird. In solchen Fällen ist es unvermeidbar, dass kreative Lösungen nicht (gleich) zum gewünschten Ergebnis führen – das ist dann aber kein vermeidbarer Fehler sondern ein Irrtum.

Ganz zufrieden bin ich noch nicht. Ist die Erlaubnis, sich irren zu dürfen, wirklich eine Basis für Kreativität? Ich bin mir unsicher, ob das schon den Kern trifft. Dass Kreativität aus meiner Sicht kein Selbstzweck ist, habe ich schon ausgeführt – tatsächlich ist Kreativität ein Mittel zum Zweck, also ein Weg, um unter hoher Dynamik/Komplexität auf neuartige Ansätze zu kommen. Und wenn neuartige Ansätze erfolgreich sind, also zum gewünschten Ergebnis führen, spricht man in der Regel von „Innovation“. Müsste es nicht also lauten „Irrtümer erlauben als Basis für Innovation“?

Übrigens ist genau das aus meiner Sicht der Kern von Lean Startup: Ein iteratives, empirisches Vorgehen, um unter Ungewissheit/Dynamik/Komplexität systematisch erfolgreiche Innovationen hervorzubringen. Modell aufstellen (Hypothesen bilden), Experiment zur Validierung ableiten und durchführen, Ergebnisse messen, Erkenntnisse ableiten, Modell anpassen, … usw. usf.

Kreativität entsteht

Wie auch immer – ich möchte gerne noch ein paar Gedanken zur Kreativität loswerden, um den Kreis zu schließen. Wie oben schon angedeutet: Kreativität ist ein hochkomplexes und nicht immer eindeutiges Thema. Freiheit kann Kreativität fördern: Wenn ich keine Bestrafung zu befürchten habe, wenn ich einen „Fehler“ mache (oder einen „Irrtum“ begehe), werde ich wahrscheinlich mutiger und traue mir kreativere Lösungen zu. Gleichermaßen ist allerdings auch Einschränkung ein Katalysator für Kreativität: Ohne die Begrenzung der Anzahl der Zeichen in einer SMS (und später bei Twitter) wären viele Abkürzungen und Emojis so wahrscheinlich nicht entstanden. In vielen Sportarten würden einfach die schnellsten/stärksten gewinnen, gäbe es keine Spielregeln, die überhaupt erst kreative Lösungsräume eröffnen. Und je komplizierter das staatliche Steuersystem und zugleich komplexer die internationalen Möglichkeiten, desto kreativer die Lösungen der Steuer- und Anlageberater.

Fazit

Es geht aus meiner Sicht also nicht darum, Fehler/Irrtümer pauschal zu erlauben, um Kreativität um der Kreativität willen zu ermöglichen – es sollte vielmehr darum gehen, die passenden Rahmenbedingungen klug zu gestalten, um Innovationen dort zu ermöglichen, wo sie Nutzen stiften und Fehler dort zu vermeiden, wo sie zu großen Schaden anrichten.

Heiko Bartlog

Gastgeber für Innovation

Published by

Chris Decker

Triathlon Coach der 2-fachen Ironman Siegerin Astrid Stienen. Lässt mit Leidenschaft Triathlon-Träume wahr werden.

Eine Antwort auf „Fehler erlauben als Basis für Kreativität? Bitte nicht!

  1. Hat dies auf Who are you and why are you here? rebloggt und kommentierte:
    Hallo Heiko, spannendes Thema. Im Folgenden meine Gedanken dazu.
    Wir leben in und mit Systemen. Natürliche Systeme streben nach Funktionalität. Fehler sind der Hinweis auf Dysfunktionalität. Zeigen uns also wo oder was verbessert werden kann.
    Natürliche Systeme basieren auf Grundlagenwissen und nicht auf Anwendungswissen.
    Wir lernen in unserem Bildungswesen in der Regel kein Grundlagenwissen.
    Deshalb leben wir in unserer Kultur wir weitgehend in dysfunktionalen Systemen (Organisationen, Partnerschaft, Familie) und sind von diesen umgeben (Bürokratie, Call-Center, Minderwertige Produkte, etc.). Deswegen haben wir gelernt, dass Fehler pfui sind. Sonst würden wir uns auf den Weg machen, in und mit funktionierenden Systemen leben zu wollen.
    Kreativität ist eine einzigartige Fähigkeit des Menschen. Diese können wir überall nutzen überall, wo es darum geht etwas Neues zu schaffen. Wenn ich Künstler, Musiker oder Autoren betrachte, weiß ich nicht, ob sie ihre Kreativität als Selbstzweck betrachten würden. Ich finde es schön, dass sie sie für ihre Kreationen nutzen und mir und vielen anderen eine Freude machen.
    Detlef

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