Spring

Fragt man die Deutschen, welchen Berufsgruppen sie das meiste Vertrauen schenken, so stehen laut einer Studie der GfK auf Platz 1: Feuerwehrleute. Dicht dahinter folgen andere helfende Berufe, insbesondere aus dem Gesundheitsbereich. Gerade in Situationen, in denen wir uns hilflos oder allein gelassen fühlen, sind wir darauf angewiesen, anderen zu vertrauen. Wir benötigen die Fürsorglichkeit, den Rat, die Ermutigung durch andere Menschen.

Was aber führt dazu, dass wir das Angebot desjenigen, der uns in einem solchen Moment gegenüber steht, auch annehmen? Dass wir die Situation nicht nur verstehen, sondern sogar tun, was er uns vorschlägt? Im Extremfall: Warum springen wir, wenn wir in luftiger Höhe auf einem Balkon stehen, in ein ausgebreitetes Sprungtuch, sobald uns ein Feuerwehrmann das Zeichen dazu gibt?

Genau um diese Frage soll es in diesem Beitrag gehen. Ich möchte versuchen zu ergründen, was wir aus dieser „Soll ich springen oder nicht?“-Situation lernen und auf unternehmerische Veränderungsprozesse übertragen können. Was motiviert uns, den (zumindest in diesem Moment) scheinbar sicheren Standpunkt aufzugeben, um uns in unbekanntes Terrain fallenzulassen?

In dem Wort „Vertrauen“ steckt das Wort „trauen“, im Sinne von: sich trauen, etwas wagen. Meine These: Ohne Vertrauen kann kein Wagnis gelingen. Versetzen wir uns also einmal in die Lage des Menschen auf dem Balkon, der Einfachhalt halber nennen wir ihn Tom.

Muss das jetzt wirklich sein?

 Keine Frage: Es brennt. Das rufen die Leute, die da unten stehen. Und das lässt sich spüren. Es wird wärmer, Rauch quillt aus den Fenstern. Tom ist verzweifelt: Er kann doch nichts dafür. Er ist nicht schuld, dass die Situation ist, wie sie ist, und am liebsten würde er die Augen davor verschließen.

 Learning 1: Tom wird nur springen, wenn er wirklich sicher ist, dass es brennt. Um Menschen von einem Tun zu überzeugen, müssen wir ihnen helfen, die jeweilige Situation zu verstehen und richtig einzuschätzen. Wenn uns dies auf ehrliche und nachvollziehbare Weise gelingt, ist ein wichtiger Grundstein für Vertrauen gelegt.

 Wissen die überhaupt, was sie tun?

 Tom denkt: Dieses kleine Sprungtuch da unten, soll das wirklich mein Leben retten? Wäre nicht eine Leiter viel geeigneter? Vielleicht sollte er doch lieber probieren, die Treppe zu erreichen?

Learning 2: Wir müssen selbstbewusst unsere Kompetenz unter Beweis stellen und Orientierung geben. Tom wird nur dann eine Entscheidung treffen können, wenn er erkannt hat, dass diese – und keine andere – die beste ist. Im Team finden wir eine gute Lösung – denn wir sind entsprechend ausgestattet, vorbereitet und geschult. Wir setzen alles daran, dass nichts Schlimmes passiert.

 Was, wenn ich einen Fehler mache?

 Vielleicht springt er daneben, so Toms Befürchtung. Und überhaupt, vielleicht ist er ja doch schuld? Die Kerze auf dem Nachttisch, die hat er vielleicht vergessen auszumachen. Er ist sicher: Das hier wird nicht gut ausgehen.

Learning 3: Auch wir müssen – wenn wir Menschen „mitnehmen“ wollen, Vertrauen schenken. Dies gelingt nicht ohne Wertschätzung. Es geht nicht um den persönlichen Vorteil, sondern um das Beste für alle. Egal, was zu dieser Situation geführt hat – jetzt gilt es, alle zur Verfügung stehenden Kräfte zu bündeln. Um die Situation gemeinsam zu verändern und zu verbessern. Leben zu retten.

 Warum dieser gedankliche Ausflug in eine zugegebenermaßen sehr extreme Situation? Nun, er soll deutlich machen: Veränderungen, wenn auch nicht immer solch bedrohlicher Art, werden wir immer ausgesetzt sein. Es gibt wohl keine Branche, die vom gegenwärtigen Transformationsprozess ausgenommen ist. Auch, wenn die Digitalisierung trotz ihrer disruptiven Auswirkungen nicht per se als Feuer bezeichnet werden sollte (dafür bringt sie einfach zu viel Neues und Gutes hervor): Das von ihr ausgehende Energieniveau ist enorm. Und eben mit diesem müssen wir umgehen lernen – gerade, wenn es darum geht, bisherige Sicherheiten aufzugeben.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang vor allem Eines: Sicherheit zu spüren heißt nicht, darauf zu vertrauen, dass sich nichts ändert – sondern darauf, dass trotz (oder gerade aufgrund) des Wandels alles gut gehen wird.

Dies zu verinnerlichen, gelingt nicht von selbst. Zweifel, Fehlersuche und das Festhalten am Bisherigen liegen im Allgemeinen in der menschlichen Natur. Diese zu überwinden gelingt durch positive Erfahrungen (es passiert eher selten, dass bei einem Sprungtuch jemand daneben springt), aber auch durch Ermutigung anderer, die – unabhängig von Hierarchien – glaubhaft vermitteln: Wir stellen uns den Herausforderungen gemeinsam, lassen auch Zweifel und Fehler zu, um aus ihnen zu lernen. Nur wer Vertrauen hat, kann das Vertrauen anderer gewinnen.

Das gemeinsame Ziel im Blick gilt es, die Rahmenbedingungen beständig zu optimieren – also die organisatorischen, technischen und finanziellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, nicht nur mit Unvorhergesehenem umzugehen, sondern die Zukunft aktiv zu gestalten. Kurz: Kommen Vertrauenskultur und vertrauenerweckende Rahmenbedingungen zusammen, entsteht ein Umfeld, welches das einzig Richtige ermöglicht: springen.

By: Constanze Zeller / zukunftsherz.de

Published by

Chris Decker

Triathlon Coach der 2-fachen Ironman Siegerin Astrid Stienen. Lässt mit Leidenschaft Triathlon-Träume wahr werden.

2 Antworten auf „Spring

    1. Sehr schön! Ein in etwas absurder Weise passendes Bild zu diesem Artikel: „Du brauchst Flughöhe, um Manöver machen zu können“ (Zitat W.Looss)
      Um wirksam im Job und glücklich im privaten Leben zu sein, um etwas wagen zu können, müssen wir herausfinden, wie unsere individuelle Flughöhe aussieht und was es dafür braucht und wie wir Familie, Freunden und Kolleg/-innen zusätzliche Flughöhe geben können.

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